Kurzsichtigkeit bei Kindern: Was tun, wenn die Sehstärke schlechter wird?
„Schon wieder stärkere Gläser?“Diese Frage hören viele Eltern irgendwann, wenn sich die Sehstärke ihres Kindes innerhalb weniger Monate oder Jahre immer weiter verschlechtert.
Kurzsichtigkeit bei Kindern – medizinisch Myopie genannt – ist im Kindesalter keine Seltenheit. Besonders wichtig ist dabei nicht nur, wie kurzsichtig ein Kind aktuell ist, sondern vor allem, wie schnell sich die Werte verändern und wie stark das Auge weiter wächst.

Denn: Je früher Kurzsichtigkeit beginnt, desto mehr Zeit bleibt dem Auge, sich während des Wachstums weiter zu verlängern. Das ist einer der Gründe, warum eine früh beginnende Myopie besonders aufmerksam beobachtet werden sollte.
Auch internationale Leitlinien nennen ein junges Alter beim Beginn der Myopie als einen der wichtigsten Faktoren für eine schnellere weitere Entwicklung. (Myopia Institute -)
Was passiert bei Kurzsichtigkeit eigentlich?
Bei einem kurzsichtigen Auge ist der Augapfel meist länger als bei einem normalsichtigen Auge. Dadurch wird das Licht nicht direkt auf der Netzhaut gebündelt, sondern bereits davor.
Das Kind sieht in der Nähe häufig gut, während Dinge in der Ferne zunehmend unscharf erscheinen.
Eine Brille oder Kontaktlinse kann diese Unschärfe korrigieren. Sie beantwortet aber zunächst nur die Frage:
„Wie bekommt mein Kind wieder scharfes Sehen?“
Beim Myopie-Management kommt eine zweite Frage hinzu:
„Können wir beeinflussen, wie stark die Kurzsichtigkeit noch zunimmt?“
Wie schnell kann sich Kurzsichtigkeit bei Kindern verändern?
Das ist von Kind zu Kind unterschiedlich.
Bei manchen Kindern verändern sich die Werte nur langsam, bei anderen können innerhalb eines Jahres beispielsweise 0,50 Dioptrien oder mehr hinzukommen. Besonders im jüngeren Schulalter kann die Progression stärker ausgeprägt sein.
Die deutschen Fachgesellschaften DOG und BVA nennen eine dokumentierte Progression von etwa 0,50 Dioptrien pro Jahr als einen wichtigen Orientierungswert, bei dem Maßnahmen zur Progressionskontrolle genauer geprüft werden sollten. (DOG.org)
Das heißt aber nicht, dass man erst bei genau diesem Wert tätig werden darf. Alter, Ausgangsstärke, Achslänge, familiäre Veranlagung und bisheriger Verlauf gehören immer mit in die Bewertung.
Warum sollte man eine zunehmende Kurzsichtigkeit überhaupt bremsen?
Eine stärkere Kurzsichtigkeit bedeutet nicht automatisch, dass später Probleme entstehen.
Mit zunehmender Myopie und zunehmender Augenlänge steigt jedoch langfristig das Risiko für bestimmte Augenerkrankungen.
Dazu gehören beispielsweise:
Veränderungen an Netzhaut und Makula
Netzhautablösungen
Glaukom
bestimmte Formen des Grauen Stars
Deshalb geht es beim Myopie-Management nicht darum, Eltern Angst zu machen oder jede kleine Kurzsichtigkeit „zu behandeln“.
Es geht darum, das weitere Wachstum des kurzsichtigen Auges möglichst zu begrenzen und damit die endgültige Myopie möglichst niedrig zu halten.
Was können Eltern selbst tun?
Ein wichtiger Punkt ist der Alltag des Kindes.
Regelmäßige Zeit im Freien gilt insbesondere für die Entstehung von Kurzsichtigkeit als schützender Faktor. Deshalb wird empfohlen, Kindern möglichst viel Bewegung und Aufenthalt draußen zu ermöglichen.
Auch bei Lesen, Hausaufgaben, Smartphone und Tablet sollte darauf geachtet werden, dass Kinder nicht stundenlang ohne Unterbrechung in sehr kurzer Entfernung arbeiten.
Sinnvoll sind:
regelmäßige Pausen bei längerer Naharbeit
ein angemessener Lese- und Arbeitsabstand
zwischendurch bewusst in die Ferne schauen
ausreichend Zeit draußen
Das International Myopia Institute weist darauf hin, dass insbesondere sehr kurze Arbeitsabstände und lange ununterbrochene Nahphasen mit einem höheren Myopierisiko verbunden sind. (Myopia Institute -)
Welche Möglichkeiten des Myopie-Managements
gibt es?
Heute stehen mehrere Möglichkeiten zur Verfügung. Welche davon sinnvoll ist, hängt immer vom einzelnen Kind ab.
Spezielle Brillengläser
Eine der unkompliziertesten Möglichkeiten sind spezielle Myopie-Management-Brillengläser.
Sie korrigieren die vorhandene Kurzsichtigkeit, damit das Kind scharf sieht. Gleichzeitig verfügen sie über besondere optische Bereiche, die einen Einfluss auf das weitere Längenwachstum des Auges haben sollen.

Für Kinder, die ohnehin täglich eine Brille tragen, ist das häufig eine sehr alltagstaugliche Lösung.
Wichtig ist: Es handelt sich nicht einfach um normale Einstärkengläser mit einem anderen Namen. Die optische Konstruktion wurde speziell zur Kontrolle der Myopieentwicklung entwickelt.
Spezielle weiche Kontaktlinsen
Auch spezielle weiche Kontaktlinsen können zur Myopiekontrolle eingesetzt werden.
Ähnlich wie bei Myopie-Management-Brillengläsern wird nicht nur die vorhandene Kurzsichtigkeit korrigiert. Die Kontaktlinse erzeugt zusätzlich ein optisches Signal, das das weitere Augenwachstum beeinflussen soll.
Für manche Kinder und Jugendlichen ist das beispielsweise beim Sport oder im Alltag eine interessante Alternative zur Brille.
Voraussetzungen sind eine gute Anpassung, zuverlässige Hygiene und regelmäßige Kontrollen.
Orthokeratologie – Nachtlinsen
Bei Orthokeratologie, kurz Ortho-K, werden spezielle formstabile Kontaktlinsen über Nacht getragen.
Während des Schlafens verändern sie die Form der Hornhaut kontrolliert. Dadurch kann das Kind am nächsten Tag häufig ohne Brille oder Kontaktlinsen scharf sehen.
Gleichzeitig kann Ortho-K das weitere Längenwachstum des Auges reduzieren. Zusammen mit speziellen Brillengläsern, weichen Myopie-Kontaktlinsen und Atropin gehört Orthokeratologie zu den gut untersuchten Möglichkeiten der Myopiekontrolle. Eine große aktuelle Auswertung randomisierter Studien bestätigt, dass diese Verfahren die Achslängenentwicklung bei Kindern verlangsamen können. (PubMed)
Besonders wichtig sind bei Nachtlinsen eine sehr gute Hygiene und konsequente Kontrolltermine.
Atropin-Augentropfen
Eine weitere Möglichkeit ist niedrig dosiertes Atropin.
Atropin wird als Augentropfen angewendet und kann die weitere Entwicklung einer Myopie verlangsamen.
Untersucht wurden unterschiedliche Konzentrationen. Dabei zeigt sich grundsätzlich: Höhere Konzentrationen können stärker wirken, gleichzeitig können Nebenwirkungen wie größere Pupillen, erhöhte Blendempfindlichkeit oder Einschränkungen beim Sehen in der Nähe stärker ausgeprägt sein. (PubMed)
Welche Konzentration infrage kommt und ob Atropin überhaupt sinnvoll ist, muss individuell entschieden werden.
Wichtig: Atropin ist eine medikamentöse Behandlung und gehört deshalb in die Betreuung einer Augenärztin oder eines Augenarztes.
Kann man verschiedene Methoden miteinander kombinieren?
Ja, in bestimmten Fällen kann das sinnvoll sein.
Wenn sich eine Myopie trotz einer Maßnahme weiterhin deutlich verändert, können beispielsweise optische Myopie-Kontrolle und niedrig dosiertes Atropin miteinander kombiniert werden.
Ob das sinnvoll ist, hängt wiederum von Alter, Progression, Achslänge und bisherigem Therapieerfolg ab.
Wann sollte man mit Myopie-Management beginnen?
Grundsätzlich gilt:
Nicht erst warten, bis bereits eine sehr starke Kurzsichtigkeit entstanden ist.
Genauer hinschauen sollte man insbesondere, wenn:
das Kind bereits sehr jung kurzsichtig wird,
sich die Werte innerhalb kurzer Zeit verändern,
ungefähr 0,50 Dioptrien oder mehr pro Jahr hinzukommen,
die Achslänge deutlich zunimmt,
ein oder beide Elternteile deutlich kurzsichtig sind,
oder regelmäßig stärkere Gläser benötigt werden.
Gerade bei einem acht- oder neunjährigen Kind, dessen Werte kontinuierlich zunehmen, lohnt es sich deshalb, die Entwicklung genauer zu betrachten und nicht lediglich jedes Jahr stärkere Gläser einzusetzen.
Warum ist die Achslänge wichtig?
Die Brillenstärke erzählt nur einen Teil der Geschichte.
Beim Myopie-Management kann zusätzlich die Achslänge des Auges gemessen und über die Zeit dokumentiert werden.
Damit lässt sich wesentlich genauer verfolgen, ob und wie stark das Auge tatsächlich weiter in die Länge wächst.
Besonders zur Verlaufskontrolle kann dieser Wert deshalb sehr hilfreich sein.
Kann man Kurzsichtigkeit wieder rückgängig machen?
Eine bereits entstandene strukturelle Kurzsichtigkeit lässt sich durch Myopie-Management nicht einfach „heilen“.
Das Ziel lautet vielmehr:
Die weitere Zunahme möglichst zu verlangsamen.
Auch die beste Methode kann nicht garantieren, dass sich die Sehstärke überhaupt nicht mehr verändert.
Aber genau darin liegt der Sinn des Myopie-Managements: Wenn es gelingt, die endgültige Kurzsichtigkeit geringer zu halten, kann das für die langfristige Augengesundheit einen Unterschied machen.
Welche Lösung geeignet ist, muss immer individuell entschieden werden.
Bei 4 YOUR EYES beraten wir Eltern rund um die optischen Möglichkeiten des Myopie-Managements, die passende Versorgung und regelmäßige Verlaufskontrollen. Medikamentöse Behandlungen wie Atropin gehören in die Hände einer Augenärztin oder eines Augenarztes.
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle augenärztliche Untersuchung.




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